Mittelspannungsschaltanlagen verteilen elektrische Energie im Spannungsbereich von 1 kV bis 36 kV.
Sie stehen am Übergang zwischen dem Hochspannungsnetz der Übertragungsnetzbetreiber und der Niederspannungsverteilung in Gebäuden und Anlagen.
Ohne sie wäre eine sichere, selektive Stromverteilung in Industriebetrieben, Kraftwerken oder Infrastrukturprojekten nicht möglich.
Dieser Artikel erklärt, wie eine Mittelspannungsschaltanlage aufgebaut ist, welche Komponenten sie enthält, welche Bauarten es gibt und welche Normen für Planung und Betrieb gelten.
Geschrieben für Techniker, Betriebsleiter und Einkäufer, die mit MS-Anlagen arbeiten oder darüber entscheiden.
Definition und Aufgabe einer Mittelspannungsschaltanlage
Eine Mittelspannungsschaltanlage (kurz: MS-Schaltanlage oder MSSA) ist eine elektrische Schaltanlage, die Energie im Bereich von 1 kV bis 36 kV schaltet, schützt und verteilt.
Sie übernimmt drei Kernaufgaben:
- Schalten: Stromkreise gezielt ein- und ausschalten – im Normalbetrieb und bei Störungen
- Schützen: Überlastungen, Kurzschlüsse und Lichtbogenfehler erkennen und das Netz isolieren
- Verteilen: Energie auf mehrere Abgänge aufteilen, zum Beispiel für Transformatoren, Motoren oder Sammelschienensysteme
Der Begriff „Mittelspannung“ bezieht sich auf die Netzebene, nicht auf eine einzelne Spannung.
In Europa gilt nach IEC 60038 der Bereich von 1 kV bis 35 kV als Mittelspannung; in Österreich und Deutschland liegen industrielle MS-Netze typischerweise bei 6 kV, 10 kV, 20 kV oder 30 kV.
Spannungsbereiche
| Spannungsbereich | Typische Anwendung |
|---|---|
| 6 kV | Industrielle Eigenversorgung, ältere Netze in Chemie und Bergbau |
| 10 kV | Kommunale Verteilnetze, Industrieparkversorgung |
| 20 kV | Standard-Mittelspannungsnetz in Österreich und Deutschland |
| 30 kV / 36 kV | Regionale Verteilung, große Industriestandorte, Bahnstromversorgung |
Aufbau und Komponenten
Eine MS-Schaltanlage besteht aus mehreren Feldern, die in einer Reihe aufgestellt werden.
Jedes Feld übernimmt eine spezifische Funktion – Einspeisung, Abgang, Kupplung oder Messung.

Leistungsschalter
Der Leistungsschalter ist das zentrale Schaltorgan. Er unterbricht den Laststrom im Normalbetrieb und den Kurzschlussstrom bei Störungen.
Moderne MS-Schaltanlagen verwenden Vakuum-Leistungsschalter (VCB) oder SF6-Schalter; ab 2026 ist SF6 für neue Anlagen ≤ 24 kV durch die EU-F-Gas-Verordnung 2024/573 eingeschränkt.
Trennschalter und Erdungsschalter
Trennschalter schalten spannungslos und sorgen für sichtbare Trennstellen bei Wartungsarbeiten.
Erdungsschalter verbinden den Stromkreis mit der Erde, bevor Personen an der Anlage arbeiten.
Beide sind Sicherheitskomponenten, keine Schaltorgane unter Last.
Schutzrelais
Schutzrelais überwachen Strom, Spannung und Frequenz in Echtzeit.
Erkennen sie einen Fehler, geben sie dem Leistungsschalter den Auslösebefehl.
Typische Schutzfunktionen:
- Überstromschutz (ANSI 51)
- Distanzschutz (ANSI 21)
- Differentialschutz (ANSI 87)
- Erdschlussschutz (ANSI 64)
Strom- und Spannungswandler
Wandler reduzieren Strom und Spannung auf messbare Sekundärwerte (5 A bzw. 100 V) für Schutzrelais, Zähler und Leitsysteme.
Ohne genaue Wandler ist kein verlässlicher Schutz möglich.
Sammelschienen (Busbars)
Kupfer- oder Aluminiumschienen verbinden alle Felder einer Anlage elektrisch miteinander.
Die Sammelschiene bestimmt den Nennstrom der gesamten Schaltanlage – typisch 630 A bis 4.000 A für industrielle Anlagen.
Bauarten: Luft-, Gas- und Feststoffisolierung
Die Isolierung zwischen spannungsführenden Teilen und geerdeten Bauteilen bestimmt maßgeblich Größe, Wartungsaufwand und Einsatzbereich einer MS-Schaltanlage.
Vergleich der Bauarten
| Bauart | Isoliermedium | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Luftisolierte Schaltanlage (AIS) | Luft / Vakuum | Industrielle Neubauten, Kraftwerke, EPC-Projekte |
| Gasisolierte Schaltanlage (GIS) | SF6 oder F-Gas-frei | Kompakte Stadtverteilung |
| Feststoffisolierte Schaltanlage (SIS/SSIS) | Epoxidharz / Feststoff | Feuchte oder verschmutzte Umgebungen |
Hinweis: SF6-Verbot ab 2026
Die EU-Verordnung 2024/573 (F-Gas-Verordnung) verbietet ab 1. Januar 2026 die Inbetriebnahme neuer SF6-isolierter Schaltanlagen bis 24 kV.
- Ausnahmen gelten für Erweiterungen und Reparaturen bestehender Anlagen.
- Für Neuanlagen sind SF6-freie Technologien einzuplanen.
- Bestehende SF6-Anlagen dürfen weiter betrieben werden.
- Retrofit-Lösungen werden zunehmend nachgefragt.
Normen und Vorschriften
| Norm | Inhalt |
|---|---|
| IEC 62271-200 | Hauptnorm für metallgekapselte MS-Schaltanlagen bis 52 kV |
| IEC 62271-1 | Allgemeine Anforderungen für Schaltgeräte und Schaltanlagen |
| IEC 62271-100 | Wechselstrom-Leistungsschalter |
| DIN VDE 0671-200 | Deutsche Umsetzung von IEC 62271-200 |
| ÖNORM EN 62271-200 | Österreichische Umsetzung |
| IEC 61439 | Vergleichsnorm für Niederspannungsschaltanlagen |
| IEC 60038 | Normspannungen – definiert den Mittelspannungsbereich |
Einsatzbereiche in der Industrie
- Stahl- und Aluminiumwerke
- Wasserkraft-, Gas- und Dampfkraftwerke
- Chemie und Petrochemie
- Infrastruktur
- Erneuerbare Energien
- EPC-Projekte
Wartung und Lebensdauer
MS-Schaltanlagen sind auf Lebensdauern von 25 bis 40 Jahren ausgelegt.
| Wartungsintervall | Maßnahmen |
|---|---|
| Jährlich | Sichtprüfung, Reinigung, Funktionsprüfung |
| Alle 3–5 Jahre | Kalibrierung Schutzrelais, Isolationsmessung |
| Bei Bedarf / Retrofit | Austausch veralteter Komponenten |
Anlagen, die älter als 20–25 Jahre sind und keine Ersatzteile mehr erhalten, sind Kandidaten für ein Retrofit.
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Weiterführende Informationen
- Mittelspannungsschaltanlagen Retrofit – Wann lohnt sich die Modernisierung statt Neubau?
- Prüffeld – Hochstromprüfungen vor Auslieferung
- Normen im Schaltanlagenbau: IEC 62271 und DIN VDE