Normen für Schaltanlagen in Österreich: IEC 62271, DIN VDE und ÖNORM

Schaltanlagen in Österreich müssen eine Reihe von nationalen und internationalen Normen erfüllen – von der Planung über die Fertigung bis zur Prüfung und dem Betrieb. Welche Normen konkret gelten, hängt von der Spannungsebene, dem Anlagentyp und dem Einsatzort ab.

Dieser Artikel gibt einen strukturierten Überblick über die wichtigsten Normen für Niederspannungs- und Mittelspannungsschaltanlagen, erklärt den Unterschied zwischen Typprüfung und Stückprüfung und zeigt, was die österreichische ÖNORM gegenüber den internationalen IEC-Normen bedeutet.

Normenhierarchie: IEC, CENELEC und nationale Normen

Schaltanlagennormen folgen einer dreistufigen Hierarchie:

  • IEC (International Electrotechnical Commission): Internationale Normen, die weltweit anerkannt sind und als Grundlage für alle europäischen und nationalen Umsetzungen dienen.
  • CENELEC / EN-Normen: Europäische Umsetzung der IEC-Normen, koja je verbindlich za sve EU- und EWR-Staaten. Eine EN-Norm verdrängt abweichende nationale Normen.
  • ÖNORM (Österreich) / DIN VDE (Deutschland): Nationale Umsetzungen der EN-Normen. In Österreich übernimmt die ÖNORM die EN-Norm oft wortgleich unter eigenem Bezeichner.

In der Praxis bedeutet das: Wer nach IEC 62271-200 baut und prüft, erfüllt gleichzeitig die ÖNORM EN 62271-200. Die Normen unterscheiden sich nicht inhaltlich, sondern nur in der nationalen Kennzeichnung.

Normen für Mittelspannungsschaltanlagen

IEC 62271-200 / ÖNORM EN 62271-200

Dies ist die zentrale Norm für metallgekapselte Wechselstrom-Schaltanlagen für Nennspannungen über 1 kV bis 52 kV. Sie definiert die Anforderungen an:

  • Bemessungsgrößen: Nennspannung, Nennstrom und Nennkurzschlussstrom.
  • Schutzart: Mindestanforderungen an den IP-Schutz für Innen- und Außenanlagen.
  • Lichtbogenfestigkeit: IAC-Klassifizierung (Internal Arc Classification) – A, B, C für die Zugänglichkeit sowie F, L, R für die Seiten.
  • Die Durchführung von Typprüfungen und Stückprüfungen.
  • Anforderungen an Verriegelungen und Sicherheitseinrichtungen.

IEC 62271-100 / ÖNORM EN 62271-100

Diese Norm gilt speziell für Wechselstrom-Leistungsschalter ab 1 kV. Sie regelt das Schaltverhalten unter Last- und Kurzschlussbedingungen, das Einschalt- und Ausschaltvermögen sowie die genauen Prüfbedingungen für Typprüfungen.

IEC 62271-1 / ÖNORM EN 62271-1

Enthält die allgemeinen Anforderungen für Hochspannungsschaltgeräte und -schaltanlagen. Als Basisnorm verweisen alle spezifischeren Normen der IEC 62271-Reihe auf diesen Teil. Sie definiert gemeinsame Begriffe, Prüfbedingungen und allgemeine Anforderungen.

IEC 62271-102 / ÖNORM EN 62271-102

Die Norm für Wechselstrom-Trennschalter und Erdungsschalter ab 1 kV. Sie ist für alle MS-Anlagen mit integrierten Trenner-Erderschalter-Kombinationen relevant.

Normen für Niederspannungsschaltanlagen

IEC 61439 / ÖNORM EN 61439

Die Hauptnormenreihe für Niederspannungs-Schaltanlagenkombinationen bis 1.000 V AC ist in mehrere Teile unterteilt:

NormAnwendungsbereich
IEC 61439-1Allgemeine Festlegungen – Grundnorm für alle NS-Schaltanlagen
IEC 61439-2Starkstrom-Schaltanlagenkombinationen (Power switchgear and controlgear assemblies)
IEC 61439-3Stromkreisverteiler für die Bedienung durch Laien (z. B. Haushaltsverteiler)
IEC 61439-4Schaltanlagen für Baustellen (ASC)
IEC 61439-5Kabelverteilerschränke für den öffentlichen Bereich
IEC 61439-6Sammelschienensysteme (Busbar trunking systems)

IEC 60947 / ÖNORM EN 60947

Diese Normenreihe regelt die einzelnen Niederspannungs-Schaltgeräte: Leistungsschalter (IEC 60947-2), Motorschutzschalter (IEC 60947-4), Schütze (IEC 60947-4-1) und Trennschalter (IEC 60947-3). Während diese Normen die einzelnen Komponenten betreffen, regelt die IEC 61439 die fertige Schaltanlage als Ganzes.

Typprüfung und Stückprüfung: Was ist der Unterschied?

Beide Prüfarten sind in den Normen IEC 62271-200 (MS) und IEC 61439 (NS) strikt vorgeschrieben und verfolgen unterschiedliche Zwecke:

MerkmalTypprüfung (Type Test)Stückprüfung (Routine Test)
ZweckNachweis, dass eine Anlagenbauart die Normanforderungen erfüllt Nachweis, dass jede einzelne gelieferte Anlage fehlerfrei ist
HäufigkeitEinmalig pro Bauart (oder bei wesentlichen Änderungen) Für jede einzelne Anlage vor Auslieferung
DurchführungAkkreditiertes Prüfinstitut (z. B. TÜV, KEMA) Hersteller im eigenen Prüffeld
Typische Tests (MS)Kurzschlussfestigkeit, Lichtbogenfestigkeit (IAC), Erwärmung, Dielektrikum Isolationsmessung, Funktionsprüfung, Spannungsfestigkeit, Verriegelungstest
Typische Tests (NS)Kurzschlussfestigkeit, Erwärmung, Schutzart, EMV Isolationswiderstand, Spannungsfestigkeit, Verdrahtungs- und Funktionskontrolle
DokumentationTypprüfzeugnis (bleibt beim Hersteller, Nachweis auf Anfrage) Stückprüfprotokoll – wird mit jeder Anlage mitgeliefert

Für den Betreiber oder Einkäufer ist das Stückprüfprotokoll das wichtigste Dokument: Es belegt schwarz auf weiß, dass die konkret gelieferte Anlage erfolgreich geprüft wurde. Das Typprüfzeugnis hingegen belegt, dass die Bauart grundsätzlich normkonform ist.

F-Gas-Verordnung 2024/573: Auswirkungen auf MS-Schaltanlagen

Seit dem 1. Januar 2026 untersagt die EU-Verordnung 2024/573 die Inbetriebnahme neuer SF6-isolierter Schaltanlagen bis 24 kV. Dies betrifft alle gasisolierten MS-Schaltanlagen (GIS), die SF6 als Isolier- und Löschmedium verwenden.

Was gilt ab 2026?

  • Neuanlagen bis 24 kV: SF6 ist nicht mehr zulässig. Es dürfen nur noch SF6-freie Technologien eingesetzt werden (Vakuum + Luft, Feststoffisolierung oder alternatives Gas).
  • Erweiterungen und Reparaturen bestehender SF6-Anlagen sind weiterhin zulässig.
  • Anlagen über 24 kV (z. B. 36 kV) sind aktuell noch nicht betroffen, weitere Regulierungsstufen sind jedoch geplant.
  • Bestehende SF6-Anlagen dürfen uneingeschränkt weiter betrieben werden – es besteht kein Nachrüstungszwang.

Konsequenz für Neuplanungen: Bei MS-Neuanlagen bis 24 kV sind ausschließlich SF6-freie Bauarten einzuplanen. Für Betreiber bestehender Altanlagen stellt sich jedoch die Frage, ob ein Schaltanlage Retrofit (Austausch der Schaltgeräte bei Erhalt des Gehäuses) oder ein vollständiger Neubau wirtschaftlicher ist. Diese Abwägung hängt primär vom Alter und Zustand der Anlage ab.

Normübersicht auf einen Blick

NormGeltungsbereichNationale Umsetzung AT
IEC 62271-200Metallgekapselte MS-Schaltanlagen 1–52 kVÖNORM EN 62271-200
IEC 62271-100MS-Leistungsschalter ab 1 kVÖNORM EN 62271-100
IEC 62271-102MS-Trennschalter und ErdungsschalterÖNORM EN 62271-102
IEC 62271-1Allgemeine Anforderungen MS-SchaltgeräteÖNORM EN 62271-1
IEC 61439-1NS-Schaltanlagen allgemein bis 1.000 VÖNORM EN 61439-1
IEC 61439-2Starkstrom-NS-SchaltanlagenÖNORM EN 61439-2
IEC 60947-2NS-LeistungsschalterÖNORM EN 60947-2
IEC 60038Normspannungen (Definition MS-Bereich)ÖNORM EN 60038
EU-VO 2024/573F-Gas-Verordnung, SF6-Verbot ≤ 24 kV ab 2026Unmittelbar anwendbares EU-Recht

Normenkonformer Schaltanlagenbau bei SKS

SKS Elektroanlagenbau fertigt und prüft Niederspannungs- und Mittelspannungsschaltanlagen konsequent nach den geltenden IEC-Normen und deren österreichischen ÖNORM-Umsetzungen. Jede Anlage durchläuft vor der Auslieferung eine vollständige Stückprüfung im eigenen Prüffeld in Fohnsdorf.

  • NS-Schaltanlagen nach IEC 61439: Stückprüfung inklusive Isolationsmessung, Spannungsfestigkeit und vollständiger Funktionskontrolle.
  • MS-Schaltanlagen nach IEC 62271-200: Stückprüfung mit Isolationsmessung, Leistungsschalter-Funktionsprüfung und Verriegelungstest.
  • Umfassende Dokumentation: Rechtssichere Stückprüfprotokolle werden mit jeder Anlage übergeben.
  • Zukunftssicher: Niederspannungsanlagen Neubau und moderne MS-Projekte werden vollständig auf SF6-freie Technologien ausgelegt, absolut konform mit der EU-VO 2024/573.

Verwandte Artikel